Konstanz-Sportchef Andre Melchert im Interview

(Foto: Michael Elser)

2.Bundesliga
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Seit einem Monat ist der Spiel- und Trainingsbetrieb bei der HSG Konstanz komplett zum Erliegen gekommen. Beinahe täglich gibt es stückchenweise neue Entscheidungen und Entwicklungen, wie und wann es möglicherweise wieder weitergehen kann.

Zunächst erhielt die HSG die Zweitliga-Lizenz, die Saisonunterbrechung in der 2. Bundesliga wurde weiter bis mindestens 16. Mai verlängert, die Spielzeit muss aber bis spätestens 30. Juni beendet sein und im Falle eines Abbruchs würde es keine sportlichen Absteiger geben. Offen wären die Fragen nach möglichen Aufsteigern und der Wertung einer abgebrochenen Saison.

Andre Melchert (s. Foto), Sportchef der HSG, spricht im Interview über die aktuelle Entwicklung, das Schreckgespenst Geisterspiele, Verantwortung für die Gesundheit der Spieler und den Kampf um das Überleben der Sportvereine.

Der 39-jährige gebürtige Velberter ist seit 2002 bei der HSG Konstanz. Zunächst als Spieler in der 2. Bundesliga im rechten Rückraum sowie am Kreis und ab 2009 als Co-Trainer. Seit 2014 ist der leidenschaftliche Schalke-Anhänger zudem Sportlicher Leiter. Der 1,94 Meter große Applications-Manager ist verheiratet und hat drei Töchter.

Wie geht es Familie Melchert, Andre? Und wie verbringt Ihr die Zeit?
Uns allen geht es sehr gut. Ich gehe täglich meinem Hauptberuf nach. Wir halten uns weitgehend in der Wohnung oder der Natur auf und gehen einmal wöchentlich für uns, meine Eltern und meine Schweigereltern zum Einkaufen.

Zuletzt gab es täglich neue Entscheidungen: Die HSG erhielt die Zweitliga-Lizenz, die Saisonunterbrechung wurde weiter bis mindestens 16. Mai verlängert, muss aber bis spätestens 30. Juni beendet sein und im Falle eines Abbruchs würde es keine sportlichen Absteiger geben. Wie hast Du das aufgenommen?
Man möchte die bestmögliche Lösung hinbekommen und klammert sich an den letzten Strohhalm. Allerdings stehen in der 2. Bundesliga noch einmal mehr Spiele auf dem Restprogramm als in Liga eins, ganze zehn an der Zahl. Plus Relegation, also im schlimmsten Fall sogar zwölf. Das bis 30. Juni unterzubringen wird schwer und ein extrem hartes Programm mit zwei Spielen pro Woche. Mal ganz von Corona abgesehen, würden wir ein hohes Verletzungsrisiko der Spieler eingehen. Die Spieler können sich lediglich daheim fit halten, allerdings nicht handballspezifisch trainieren. Dadurch wird das Verletzungsrisiko umso höher, zumal wir von null auf 100 einsteigen würden. So würde es Verletzungen hageln, diese Verantwortung würde ich ungern tragen wollen. Bei einer Entscheidung über einen möglichen Abbruch sollte die Gesundheit der Spieler mit einfließen. Spieler, Trainer, Offizielle, Schiedsrichter usw. sind eben auch nicht immun gegen das Virus und begegnen sich in einem Vollkontaktsport.

Wann müsste man wieder anfangen zu trainieren, um am 16. Mai wieder richtig fit und bereit für den dann sehr dicht gestaffelten Rest-Spielplan gerüstet zu sein?
Die Spieler sind bereits seit einem Monat aus dem normalen Trainings- und Spielbetreib draußen. Um für den 16. Mai wieder ein entsprechendes körperliches Niveau zu haben, müsste man heute mit dem Training beginnen. So wäre man immer noch nicht bei 100 Prozent. Hinzu kommt, dass viele Vereine gar keine eigene Trainingshalle haben, sondern von den Entscheidungen der Länder und Kommunen und der Öffnung der Hallen abhängig sind. Wir bräuchten mindestens vier Wochen Vorlauf, um die Runde sportlich einigermaßen über die Bühne zu bringen. Diese Vorbereitung hat dann aber immer noch nichts mit Leistungssport zu tun.

Wie groß ist dabei das Problem Planungsunsicherheit?
Das trifft alle Vereine derzeit hart. Keiner weiß, wann und wie es weiter geht, stets ergeben sich neue Sachstände. Eine schwierige Situation. Im Moment geht es nur darum, durch diese Krise hindurchzukommen und um das Überleben. Jeder muss sich in die neue Saison retten und sehen, wie es in Zukunft mit Blick auf die Sponsoren und Zuschauer weitergeht. Das einzuschätzen, ist richtig schwer. Ohne Unterstützung wird es bei vielen Clubs richtig knallen. Jeder Sponsor und jeder Zuschauer ist für die Handallvereine wichtig.

Wie ernst ist die Lage bei der HSG Konstanz?
Wir hoffen, ja wir sind uns sicher, dass wir auf die Solidarität unserer treuen Dauerkartenbesitzer und langjährigen Sponsoren in dieser schweren Krise bauen können. Schließlich haben wir stets seriös gewirtschaftet. Nur mit Hilfe unserer Geldgeber und der breiten Unterstützung unseres kompletten Umfeldes können wir überleben. Die Mannschaft hat in dieser Saison die Zuschauer begeistert. Viel Optimismus und enorme Kraftanstrengung sind jetzt nötig, um uns in eine erfolgreiche Zukunft zu retten. Das schaffen wir nur gemeinsam. Es wäre dramatisch, wenn gerade in Konstanz mit diesem tollen Publikum diese Herkulesaufgabe nicht gelingen würde.

Wie beurteilst Du den gesellschaftlichen Wert des Sports allgemein?
Als sehr hoch. Das geht bei den ganz Kleinen über die Kinderbetreuung in den Kindergärten und bei uns in der Halle im HandballSportGarten los, geht über die Arbeit mit den Älteren weiter bis zum Programm für die ganze Familie am Wochenende. Gesundheitsförderung, Vermittlung von Werten und Freude an der Bewegung sowie die Betreuung der Kinder sind neben der Freude am Spiel einige Schlagworte. Der komplette Sport und die Vereine sind unwahrscheinlich wichtig für die Gesellschaft. Ich hoffe, dass das auch in den Regierungen so gesehen wird und Maßnahmen zur Unterstützung zur Verfügung stehen werden.

Wie fällt Dein Fazit bis zum 24. Spieltag aus, der mit einem Auswärtssieg in Aue beendet wurde?
Es ist super gelaufen. Wir waren nach dem Sieg in Aue richtig im Aufwind und haben uns alle auf den HSV Hamburg gefreut. Die Halle wäre brechend voll geworden und ich bin mir sicher, dass wir ein Feuerwerk von unseren Jungs gesehen hätten. Die waren richtig heiß, der HSV hätte sich auf einiges einstellen können. Nach diesem tollen Spiel hätten wir uns direkt auf den Superball vor erneut voller Halle freuen dürfen. Im Rahmen des Superballs haben wir bislang immer gewonnen. Danach standen noch drei spannende Heimspiele im Kampf um den Klassenerhalt bevor. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir die Liga sportlich gehalten hätten oder halten, sollte noch einmal gespielt werden können.

Wie sieht gerade Deine Arbeit aus, wie hältst Du Kontakt zu den Spielern?
Wir stehen im engen Austausch vor allem mit den Kapitänen und die Jungs senden tolle Signale, leisten alle ihren Beitrag. Die Spieler treffen sich online selbst untereinander, um sich alleine und zusammen fit zu halten. Im Moment geht es vorrangig darum, die aktuelle Situation und ihre Folgen zu bewältigen und zu organisieren.

Der – wenn auch immer unrealistischer werdende – Wunsch aller ist, die Saison sportlich zu beenden. Muss der Sport hier nicht dennoch gerade zurückstecken?
Am glücklichsten wären wir, wenn man die Saison sportlich über die Bühne bekommen könnte. Das wäre die fairste Lösung. Dennoch steht die Gesundheit aller im Vordergrund. Wenn die betroffen ist, wird das Thema Sport zweitrangig. Alle müssen gerade zurückstecken.

Sind Geisterspiele in diesem Zusammenhang nicht das Schreckgespenst schlechthin?
Geisterspiele sind völliger Quatsch. Im Tennis haben die Spieler vielleicht den nötigen Abstand, bei zweimal 16 Handballspielern plus Trainer, Physios, Schiedsrichter und Offiziellen kommt man schnell auf 50 bis 60 Personen für das Minimalaufgebot in der Halle. Keiner weiß vom anderen, wo er war und wie er sich verhalten hat, ob er gesund ist. Ich denke darüber sollten wir nicht diskutieren, ganz abgesehen davon, dass dies ein finanzielles Fiasko für ohnehin schon angeschlagene Vereine wäre und die Zuschauer auch für die Sportler extrem fehlen würden.

Was wünschst Du Dir für die nächsten Wochen?
Dass wir alle gesund bleiben ist das Wichtigste. Hoffentlich ist der Spuk bald vorbei und wir bekommen ein geregeltes Leben zurück. Dass wir normal unserer Arbeit nachgehen können, ist für viele Arbeitsplätze unerlässlich. Und natürlich freuen wir uns alle auf unser geliebtes Hobby und dass wir möglichst bald wieder begeisternden Sport in der Halle erleben dürfen.

Fragen: Andreas Joas

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